Warum Rasenmischungen unterschiedlich leistungsfähig sind

Kategorie: Bestandsentwicklung

Hinweis: Dieses Kapitel verbindet die Grundlagenartikel zu Grasarten, Bestockung, vegetativer Ausbreitung, Konkurrenz und Stressanpassung mit der praktischen Frage, warum sich Rasenmischungen im Garten unterschiedlich entwickeln.

1. Warum eine Rasenmischung mehr ist als eine Artenliste

Eine Rasenmischung ist mehr als eine Auflistung von Artenanteilen. Die konkrete Kombination aus Arten und Sorten bestimmt, wie sich der Bestand über Jahre entwickelt: seine Dichte, seine Reaktion auf Belastung und Trockenheit sowie seine Fähigkeit, entstandene Lücken wieder zu schließen.

Zwei Mischungen mit ähnlicher Artenliste können sich deshalb sehr unterschiedlich entwickeln, wenn sich die verwendeten Sorten in Wuchsform und Ausbreitungsstrategie unterscheiden (vgl. Kapitel 2, Kapitel 26, Kapitel 27).

2. Grasart und Sorte: die genetische Ausgangslage

Innerhalb einer Grasart können sich einzelne Sorten deutlich in Wuchsform, Dichte, Krankheitsanfälligkeit und Stresstoleranz unterscheiden, da sie gezielt auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet wurden.

Die genetische Ausgangslage, die mit der Art- und Sortenwahl gesetzt wird, definiert den Rahmen dessen, was ein Bestand später leisten kann.

Pflege kann vorhandene Eigenschaften zur Entfaltung bringen, aber keine Eigenschaften erzeugen, die im Pflanzenmaterial nicht angelegt sind.

3. Mischungsanteile und Konkurrenz im Bestand

Die bei der Mischungszusammenstellung angegebenen Gewichtsanteile beschreiben das Saatverhältnis, nicht zwangsläufig die spätere Zusammensetzung des etablierten Bestandes.

Da sich Arten und Sorten in Keimgeschwindigkeit, Konkurrenzkraft und Standortanpassung unterscheiden, verschiebt sich das tatsächliche Verhältnis im Bestand über die Zeit meist zugunsten einzelner Komponenten (vgl. Kapitel 18 – Konkurrenzprozesse in Grasbeständen).

4. Bestockung, Rhizome und Stolone als unterschiedliche Strategien

Arten und Sorten nutzen unterschiedliche vegetative Strategien, um Lücken zu schließen und den Bestand zu verdichten.

Bestockung, die Bildung neuer Triebe an der Basis der Pflanze, findet bei nahezu allen Rasengräsern statt.

Rhizome sind unterirdische Ausläufer. Über sie breitet sich beispielsweise das Wiesenrispengras (Poa pratensis) aus.

Stolone sind oberirdische Ausläufer. Sie werden beispielsweise vom Flechtstraußgras (Agrostis stolonifera) und von der Lägerrispe (Poa supina) gebildet.

Diese Strategien unterscheiden sich darin, wie schnell und wie weiträumig eine Pflanze eine Lücke schließen kann (vgl. Kapitel 26, Kapitel 27).

5. Standortfaktoren verändern die tatsächliche Bestandsentwicklung

Standortbedingungen wie Lichtverfügbarkeit, Bodenfeuchte, Bodenverdichtung und Nährstoffversorgung begünstigen einzelne Mischungspartner gegenüber anderen.

Eine für sonnige Lagen gut geeignete Komponente kann in beschatteten Bereichen derselben Fläche zurückgehen, während eine schattenverträgliche Komponente dort zunimmt.

Dieselbe Mischung kann sich deshalb innerhalb eines Gartens je nach Kleinstandort unterschiedlich entwickeln (vgl. Kapitel 17).

6. Pflege beeinflusst, welche Arten sich im Bestand behaupten

Pflegeentscheidungen wie Schnitthöhe, Mähhäufigkeit, Bewässerung und Düngung verschieben das Konkurrenzverhältnis zwischen den Mischungspartnern.

Häufiger, tiefer Schnitt begünstigt in der Regel dicht bestockende Arten gegenüber eher horstig wachsenden Typen.

Bewässerungs- und Düngeregime beeinflussen zusätzlich, welche Komponenten ihr Wuchspotenzial tatsächlich ausschöpfen können (vgl. Kapitel 18 und Kapitel 26).

7. Regenerationsfähigkeit und Trockenheitsreaktion nicht gleichsetzen

Die Fähigkeit einer Art, Trockenheit zu überstehen – etwa durch Dormanz, bei der oberirdische Pflanzenteile absterben, während Erneuerungsknospen überdauern – ist eine andere Eigenschaft als ihre Fähigkeit, sich anschließend zu regenerieren.

Manche Komponenten überstehen Trockenheit gut, besitzen danach aber nur begrenzte Möglichkeiten, entstandene Lücken zu schließen. Andere, insbesondere rhizombildende Arten, können auch nach deutlichem oberirdischem Schaden größere Flächen aus unterirdischen Organen heraus wiederbesiedeln.

Die Widerstandsfähigkeit einer Mischung hängt von beiden Eigenschaften ab, nicht von einer allein (vgl. Kapitel 19, Kapitel 33).

8. Warum Mischungen Zielkonflikte ausgleichen müssen

Keine einzelne Art oder Sorte vereint schnelle Etablierung, feine Blattstruktur, hohe Trittfestigkeit, ausgeprägte Schattenverträglichkeit und starke Trockenheits- beziehungsweise Regenerationsfähigkeit gleichermaßen; die Verbesserung einer Eigenschaft geht in der Regel zulasten einer anderen.

Mischungen kombinieren Komponenten mit unterschiedlichen Stärken, damit sich der Bestand als Ganzes gegenüber den Schwächen einzelner Komponenten absichert – etwa indem schnell etablierende Anteile die Fläche früh stabilisieren, während langsamer wachsende, ausdauernde Anteile die Fläche langfristig tragen.

9. Was eine hochwertige Mischung leisten kann – und was nicht

Eine sorgfältig zusammengestellte Mischung schafft eine günstige biologische Ausgangslage: genetische Vielfalt, sich ergänzende Wuchsstrategien und eine für den vorgesehenen Nutzungszweck geeignete Artenauswahl.

Sie kann jedoch

  • einen grundsätzlich ungeeigneten Standort nicht ausgleichen (vgl. Kapitel 10 bis 12),
  • keine unzureichende Wasser- oder Nährstoffversorgung ersetzen (vgl. Kapitel 8, Kapitel 9),
  • und keine Pflege kompensieren, die nicht zum Bestand passt (vgl. Kapitel 21).

Die Mischung schafft das Potenzial; Standort und Pflege entscheiden mit darüber, ob dieses Potenzial genutzt werden kann.

10. Praxisbezug: Wie diese Prinzipien in der Produktentwicklung genutzt werden

Bei der Zusammenstellung von Mischungen für unterschiedliche Einsatzzwecke müssen die vorstehend beschriebenen Zielkonflikte gegeneinander abgewogen werden: Etablierungsgeschwindigkeit, Regenerationsfähigkeit, Trittfestigkeit, Schattenverträglichkeit und weitere Eigenschaften sind je nach vorgesehener Nutzung unterschiedlich zu gewichten.

EUBO führt drei Rollrasenlinien, die diese Zielkonflikte unterschiedlich auflösen.

Der Alleskönner Supra gewichtet Breite: Halbschattenverträglichkeit, Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit werden gemeinsam angestrebt, statt eine dieser Eigenschaften auf Kosten der übrigen zu maximieren. Diese Linie ist für Flächen gedacht, deren Nutzung sich nicht auf einen einzelnen Zweck festlegen lässt.

Der Standard Spiel- und Sportrasen gewichtet mechanische Belastbarkeit. Der Bestand ist auf eine dichte, trittfeste Grasnarbe ausgelegt – Eigenschaften, die bei intensiver Nutzung schwerer wiegen als eine besonders feine Blattstruktur.

Der Roborasen gewichtet die Verträglichkeit gegenüber häufigem Schnitt. Mähroboter entnehmen sehr oft sehr wenig Blattmasse. Das begünstigt Mischungskomponenten mit ausgeprägter Bestockung und rascher Regeneration (vgl. Abschnitt 4).

Die zugehörigen Saatgutmischungen folgen derselben Gewichtung, damit Nachsaat und vorhandener Bestand zusammenpassen.

11. Zusammenfassung

Eine Rasenmischung setzt die genetische Ausgangslage eines Bestandes. Welche dieser Eigenschaften sich im Garten tatsächlich zeigen, entscheidet sich anschließend über Konkurrenz zwischen den Mischungspartnern, Standortbedingungen und Pflege.

Trockenheitsverträglichkeit und Regenerationsfähigkeit sind dabei zwei verschiedene Eigenschaften. Eine hochwertige Mischung schafft Möglichkeiten – sie ersetzt weder einen geeigneten Wurzelraum noch eine ausreichende Wasser- und Nährstoffversorgung noch eine passende Pflege.