Kapitel 2

Die wichtigsten Rasengrasarten

Kategorie: Grundlagen

1. Übersicht der Rasengrasarten

Für die Anlage und Pflege von Rasenflächen in Mitteleuropa werden nur wenige Grasarten aus der Familie der Süßgräser (Poaceae) verwendet. Rund 88 bis 90 Prozent aller zugelassenen Rasensorten in Deutschland entfallen auf drei Hauptarten: Deutsches Weidelgras (Lolium perenne), Rotschwingel (Festuca rubra) und Wiesenrispe (Poa pratensis).

Die Regel-Saatgut-Mischungen (RSM), die von der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V. (FLL) herausgegeben werden, definieren für verschiedene Rasentypen die empfohlenen Artenzusammensetzungen und Sortenanforderungen. Auch bei der Produktion von Rollrasen bilden diese Arten die Grundlage.

2. Deutsches Weidelgras (Lolium perenne)

Das Deutsche Weidelgras ist die am häufigsten verwendete Rasengrasart in Mitteleuropa. Es ist eine ausdauernde, horstbildende Art mit schmalen bis mittelbreiten Blättern.

Wesentliche Eigenschaften:

  • sehr schnelle Keimung (7 bis 15 Tage)
  • hohe Trittfestigkeit und Belastbarkeit
  • gute Regenerationsfähigkeit nach Schäden
  • schneller Aufwuchs, daher häufig in Nachsaat-Mischungen enthalten
  • Vermehrung durch Bestockung (Horstbildung), keine Ausläufer

Lolium perenne eignet sich besonders für Gebrauchs-, Spiel- und Sportrasen. Es entwickelt sich am besten auf stickstoff- und phosphatreichen Böden in gemäßigtem Klima. Eine gewisse Frostempfindlichkeit bei Temperaturen unter minus 18 Grad Celsius kann in kalten Wintern zu Auswinterungsschäden führen.

In Rollrasen-Mischungen übernimmt Lolium perenne häufig die Rolle des schnellen Narbenschlusses in der Anzuchtphase.

3. Wiesenrispe (Poa pratensis)

Die Wiesenrispe ist die zweite zentrale Rasengrasart. Sie zeichnet sich durch die Bildung unterirdischer Ausläufer (Rhizome) aus und ist damit in der Lage, Lücken in der Grasnarbe selbstständig zu schließen.

Wesentliche Eigenschaften:

  • Bildung von Rhizomen (unterirdische Ausläufer)
  • hohe Trittfestigkeit und Scherfestigkeit
  • gute Hitze- und Trockenheitsverträglichkeit
  • relativ lange Keimdauer (14 bis 28 Tage)
  • mittlere bis hohe Nährstoffansprüche (insbesondere Stickstoff und Kalium)

Poa pratensis wird häufig mit schneller keimenden Arten wie Lolium perenne gemischt, um die lange Keimdauer auszugleichen. Durch ihre Rhizombildung leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur Narbenstabilität und ist daher ein wichtiger Bestandteil von Rollrasen.

Die Ausläuferbildung wird durch regelmäßigen Schnitt (mindestens einmal pro Woche) gefördert.

4. Rotschwingel (Festuca rubra)

Der Rotschwingel ist ein feinblättriges Rasengras mit geringen Nährstoff- und Wasseransprüchen. Es werden drei Unterarten unterschieden, die sich in ihrer Ausläuferbildung und Wuchsform unterscheiden:

Horstrotschwingel (Festuca rubra commutata):

Bildet keine Ausläufer, sondern horstförmige Seitentriebe. Er erzeugt eine sehr feine, dichte Grasnarbe und eignet sich besonders für Zierrasen. Die Trittfestigkeit ist mäßig.

Kurzausläufer-Rotschwingel (Festuca rubra trichophylla):

Bildet kurze unterirdische Ausläufer. Er ist anspruchslos, trockenheitsresistent und teilweise salztoleranter als andere Unterarten. Er eignet sich für Gebrauchsrasen und Trockenstandorte.

Ausläufer-Rotschwingel (Festuca rubra rubra):

Bildet längere unterirdische Ausläufer und kann dadurch Lücken in der Grasnarbe schließen. Die Blätter sind etwas breiter als bei den anderen Unterarten. Er eignet sich für Gebrauchsrasen, Erosionsschutz und Trockenlagen.

Allen Rotschwingel-Unterarten gemeinsam sind eine gute Anfangsentwicklung, Konkurrenzfähigkeit gegenüber Unkraut und Trockenheitstoleranz.

5. Rohrschwingel (Festuca arundinacea)

Der Rohrschwingel gewinnt im Zuge des Klimawandels zunehmend an Bedeutung. Er ist ein kräftiges, tiefwurzelndes Gras mit vergleichsweise breiten Blättern.

Wesentliche Eigenschaften:

  • tiefreichendes Wurzelsystem (bis 60 Zentimeter und mehr)
  • sehr gute Hitze- und Trockenheitsverträglichkeit
  • Verträglichkeit gegenüber wechselfeuchten Standorten
  • breitere Blätter als Lolium perenne oder Festuca rubra

Rohrschwingel wird zunehmend in Mischungen für trockenheitsgefährdete Standorte eingesetzt. Um eine optisch homogene Grasnarbe zu erreichen, sollte der Anteil in der Mischung mindestens 70 Gewichtsprozent betragen (sogenannter Mediterranrasen, RSM Typ 2.2 Trockenlagen).

6. Lägerrispe (Poa supina)

Die Lägerrispe ist eine Spezialart, die vor allem für schattige Standorte und stark beanspruchte Flächen verwendet wird.

Wesentliche Eigenschaften:

  • sehr gute Schattenverträglichkeit
  • Bildung oberirdischer Ausläufer (Stolone)
  • hohe Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit
  • hohe Nährstoff- und Wasseransprüche
  • empfindlich gegenüber Trockenheit und Bodenverdichtung

Die Schnitthöhe sollte nicht unter 5 Zentimeter liegen. Poa supina wird in der Regel nur in geringen Anteilen beigemischt, um die Rasenqualität an Schattenstandorten zu verbessern.

7. Straußgras-Arten (Agrostis)

Für spezielle Anwendungen wie Golfgrüns und Tiefschnittrasen werden Straußgras-Arten eingesetzt:

Rotes Straußgras (Agrostis capillaris):

Feinblättrig, bildet dichte Narben und toleriert sehr niedrige Schnitthöhen. Geeignet für Tiefschnittrasen und Golfgrüns.

Flechtstraußgras (Agrostis stolonifera):

Bildet oberirdische Ausläufer (Stolone) und wird für Golfgrüns mit sehr niedrigen Schnitthöhen verwendet. Es ist pflegeintensiv und benötigt eine gleichmäßige Wasser- und Nährstoffversorgung.

Straußgras-Arten sind für Hausrasen und Rollrasen in der Regel nicht relevant.

8. Rasengräser als C3-Pflanzen

Alle in Mitteleuropa für Rasen verwendeten Grasarten sind sogenannte C3-Pflanzen (Kaltzonengräser). Die Bezeichnung leitet sich vom ersten Fixierungsprodukt der Photosynthese ab, einem Molekül mit drei Kohlenstoffatomen (3-Phosphoglycerat).

C3-Gräser zeichnen sich aus durch:

  • optimale Photosyntheseleistung bei moderaten Temperaturen (15 bis 25 Grad Celsius)
  • höheren Wasserbedarf im Vergleich zu C4-Gräsern
  • gute Leistungsfähigkeit bei gemäßigten Lichtverhältnissen

Im Gegensatz dazu stehen C4-Gräser (Warmzonengräser), die eine effizientere Photosynthese bei hohen Temperaturen (30 bis 40 Grad Celsius) und starker Sonneneinstrahlung betreiben. Typische C4-Gräser sind Bermudagras (Cynodon dactylon), Mais und Zuckerrohr. C4-Gräser nutzen einen zusätzlichen biochemischen Mechanismus zur CO₂-Vorfixierung und benötigen dadurch weniger Wasser.

Klimawandelbedingt ist in Süddeutschland eine zunehmende Ausbreitung von C4-Gräsern wie Bermudagras zu beobachten. Für die klassische Rasenanlage und Rollrasenproduktion in Deutschland spielen C4-Gräser derzeit jedoch keine praktische Rolle.

9. Rasentypen und Regel-Saatgut-Mischungen (RSM)

Je nach Verwendungszweck werden unterschiedliche Rasentypen definiert, für die jeweils spezifische Artenzusammensetzungen empfohlen werden:

Zierrasen (RSM 1):

Sehr feine, dichte Grasnarbe mit hohem ästhetischem Anspruch. Hauptbestandteile sind Festuca rubra und Agrostis capillaris. Geringe Belastbarkeit, hoher Pflegeaufwand.

Gebrauchsrasen (RSM 2):

Der häufigste Rasentyp für Hausgärten, Parks und öffentliche Grünflächen. Typische Mischung: etwa 40 Gewichtsprozent Festuca rubra, 30 Gewichtsprozent Lolium perenne und 30 Gewichtsprozent Poa pratensis. Gute Belastbarkeit bei moderatem Pflegeaufwand. Untertypen umfassen Spielrasen (RSM 2.3) und Trockenlagen (RSM 2.2).

Strapazierrasen / Sportrasen (RSM 3):

Für Sportplätze, Fußballfelder und stark beanspruchte Flächen. Hoher Anteil an Lolium perenne und Poa pratensis. Sehr hohe Belastbarkeit und Regenerationsfähigkeit.

Landschaftsrasen (RSM 7):

Für extensiv gepflegte Flächen wie Straßenränder, Böschungen und Rekultivierungsflächen. Geringerer Pflegeaufwand, breiteres Artenspektrum.

Rollrasen wird üblicherweise als Gebrauchsrasen (RSM 2.3) oder Sportrasen produziert.

10. Zusammenfassung

Für die Rasenanlage in Deutschland werden überwiegend drei Grasarten verwendet: Deutsches Weidelgras (Lolium perenne), Wiesenrispe (Poa pratensis) und Rotschwingel (Festuca rubra). Jede Art bringt spezifische Eigenschaften ein, die sich in der Mischung ergänzen. Lolium perenne sorgt für schnelle Keimung und Belastbarkeit, Poa pratensis für Narbenschluss durch Rhizombildung und Festuca rubra für Feinblättrigkeit und Trockenheitstoleranz. Der Rohrschwingel (Festuca arundinacea) gewinnt aufgrund seiner Hitze- und Trockenheitsverträglichkeit zunehmend an Bedeutung. Alle verwendeten Rasengräser in Deutschland sind C3-Pflanzen, die bei gemäßigten Temperaturen ihre beste Leistung erzielen.